K.14 · Verfahrensvergleich · 13 min Lesezeit

MIM oder Metall-3D-Druck? Wo die Grenze wirklich verläuft — und warum die Frage meistens falsch gestellt wird.

„Brauchen wir das Werkzeug überhaupt noch, wenn wir drucken können?" Diese Frage erreicht uns seit etwa drei Jahren regelmäßig, und sie ist berechtigt. Die Antwort lautet in den meisten Fällen: Ja — aber nicht aus den Gründen, die man erwartet.

Der Vergleich wird fast immer als Entweder-oder geführt. Tatsächlich sind es zwei Verfahren für zwei verschiedene Mengenbereiche, die sich gut ergänzen. Wer das versteht, spart in der Entwicklungsphase Geld und in der Serie noch mehr.

Erst einmal: „Metall-3D-Druck" gibt es nicht

Unter dem Begriff laufen mindestens drei grundverschiedene Verfahren. Sie zu unterscheiden ist die halbe Antwort.

VerfahrenPrinzipTypische Rolle
LPBF / SLMLaser schmilzt Metallpulver Schicht für Schicht aufEinzelteile, komplexe Geometrien, Luft​fahrt
Binder JettingBindemittel wird in Pulverbett gedruckt, danach entbindert und gesintertKlein- und Mittelserien
Metall-FDMFeedstock-Filament wird extrudiert, danach entbindert und gesintertPrototypen, Vorrichtungen

Für den Vergleich mit MIM ist nur eines davon wirklich relevant: Binder Jetting. Und zwar deshalb, weil es MIM technologisch näher steht als jedem anderen Druckverfahren.

Der nächste Verwandte: Binder Jetting

Binder Jetting und MIM teilen sich die zweite Hälfte der Prozesskette vollständig. Beide erzeugen zunächst einen Grünling aus Metallpulver und Bindemittel. Beide entbindern ihn. Beide sintern ihn bei 1.250 bis 1.380 °C. Beide schwinden dabei um 15 bis 22 Prozent.

Der einzige Unterschied liegt am Anfang: Wo MIM den Grünling in ein Werkzeug spritzt, druckt Binder Jetting ihn schichtweise.

Daraus folgt etwas Praktisches: Die Konstruktionsregeln aus K.02 gelten weitgehend für beide Verfahren. Wandstärkengrenzen, Materialanhäufungen, Schwindungsverzug — die physikalischen Randbedingungen sind dieselben, weil derselbe Sinterprozess dahintersteht. Ein Bauteil, das für MIM konstruiert ist, lässt sich in aller Regel auch drucken. Und umgekehrt.

Das ist der Grund, warum ein Wechsel vom gedruckten Vorserienteil zum gespritzten Serienteil funktioniert, ohne dass das Bauteil neu konstruiert werden muss.

Wo die Grenze verläuft

Beim Kostenverlauf. MIM trägt hohe Einmalkosten und niedrige Stückkosten, Binder Jetting kaum Einmalkosten und deutlich höhere Stückkosten. Der Schnittpunkt liegt nach der verfügbaren Branchenerfahrung bei 20.000 bis 30.000 Teilen pro Jahr — abhängig von Geometrie, Legierung, Toleranzanforderung und Prüfaufwand.

JahresmengeEmpfehlungBegründung
1 – 50LPBF oder Metall-FDMKein Rüstaufwand, Teil in Tagen verfügbar
50 – 2.000Binder JettingBereits deutlich günstiger je Teil als LPBF
2.000 – 20.000EinzelfallrechnungHier entscheidet die Geometriekomplexität
20.000 – 30.000ÜbergangsbereichBeide Verfahren rechnen sich ähnlich
über 30.000MIMWerkzeug amortisiert, Stückkosten deutlich niedriger
Der häufigste Denkfehler „3D-Druck spart das Werkzeug." Stimmt — nur ersetzt er es durch Maschinenzeit, die bei jedem einzelnen Teil erneut anfällt. Das Werkzeug ist eine einmalige Investition, die Druckzeit eine dauerhafte. Ab einer bestimmten Menge kehrt sich der Vorteil um, und zwar unwiderruflich.

Was jedes Verfahren besser kann

Jenseits der Menge gibt es Merkmale, bei denen die Entscheidung unabhängig von der Stückzahl fällt.

MerkmalMIMBinder Jetting
Maßtoleranz± 0,3 – 0,5 %± 0,5 – 1,0 %
Oberfläche unbearbeitetRa 0,4 – 1,6 µmRa 3 – 8 µm
Dichte gesintert95 – 98 %92 – 97 %
Wandstärke minimal0,3 mm0,8 – 1 mm
Innenliegende Kanälenur über Schieberfrei gestaltbar
Bauteilgrößebis ca. 250 ggrößer möglich
Vorlaufzeit erstes Teil8 – 14 Wochen1 – 3 Wochen
Werkstoffauswahlbreit, industriell erprobtenger, wächst

Zwei Zeilen verdienen Aufmerksamkeit.

Die Oberfläche. Der Unterschied von Faktor fünf bis zehn ist kein Detail. Wo MIM sinterreaktiv eine Oberfläche liefert, die oft direkt verbaut werden kann, braucht das gedruckte Teil meist eine Nachbearbeitung — die dann die Kostenrechnung wieder verschiebt. Welche Ra-Werte im MIM ohne Nacharbeit erreichbar sind, steht in K.04.

Innenliegende Kanäle. Hier ist der Druck unschlagbar. Ein Bauteil mit verschlungener Kühl- oder Fluidführung, die kein Schieber abbilden kann, ist ein Fall für additive Fertigung — unabhängig von der Stückzahl. Solche Geometrien lassen sich in MIM schlicht nicht entformen.

Die kluge Kombination

Die wirtschaftlich beste Antwort ist meist keine Entscheidung, sondern eine Abfolge:

Der entscheidende Vorteil dieser Abfolge: Die Konstruktion muss zwischen Phase 2 und 3 nicht geändert werden, weil beide Verfahren denselben Sinterschritt teilen. Sie qualifizieren in der Vorserie, was Sie später auch bekommen.

Wer stattdessen mit LPBF-Prototypen validiert und dann direkt auf MIM springt, erlebt gelegentlich Überraschungen — LPBF erzeugt ein aufgeschmolzenes, nicht gesintertes Gefüge, mit anderen Eigenschaften.

Wann Sie das Werkzeug wirklich nicht brauchen

Vier Fälle, in denen wir von MIM abraten und zum Druck raten:

Praxisregel Frieren Sie die Konstruktion ein, bevor Sie das Werkzeug beauftragen. Eine Änderung an einer Kavität kostet je nach Umfang 2.000 bis 15.000 Euro und vier bis acht Wochen. Ein weiterer Druckdurchlauf kostet Tage.

Unser Ansatz

Wir fertigen MIM. Wenn Ihre Menge dafür nicht reicht, sagen wir Ihnen das — und benennen, ab welcher Jahresmenge sich ein Wechsel rechnen würde. In der Regel liefern wir diese Zahl zusammen mit dem Richtpreis, damit Sie beide Wege gegeneinander rechnen können, statt uns glauben zu müssen.

Weiterlesen

Fragen zum Thema dieses Beitrags?

Unser Engineering und unser Einkaufsteam stehen für fachliche Rückfragen zur Verfügung — ohne Verpflichtung, ohne Formular-Funnel.