K.29 · Werkstoff · 12 min Lesezeit

Harte und verschleißfeste MIM-Werkstoffe 420, 440C, Kobalt-Chrom und Hartmetall mit Kennwerten — und warum Härte allein den Verschleiß nicht bestimmt.

Härte ist die am leichtesten messbare und am häufigsten überbewertete Eigenschaft bei verschleißbeanspruchten Bauteilen. Sie beschreibt den Widerstand gegen Eindringen — nicht gegen Abrasion, nicht gegen Adhäsion, nicht gegen Ermüdung an der Kontaktfläche. Zwei Bauteile mit identischer Härte können sich im Verschleißverhalten um Größenordnungen unterscheiden.

Diese Seite nennt die Kennwerte und daneben die Frage, die vor der Werkstoffwahl beantwortet werden muss.

Kennwerte

Werkstoff Zustand Rm Rp0,2 A Härte Dichte
MIM-420 gehärtet, angelassen 204 °C 1379 MPa 1200 MPa unter 1 % rund 44 HRC 7,4 g/cm³
MIM-420 gehärtet, zweite Herstellerangabe 1450 MPa 1150 MPa 5 % 39 – 46 HRC 7,24 g/cm³
MIM-440C gesintert ab 700 MPa ab 600 MPa ab 1 % 30 – 39 HRC ab 7,50 g/cm³
MIM-440C gehärtet 52 – 63 HRC 7,50 g/cm³
MIM-17-4 PH ausgehärtet H900 1190 MPa 1090 MPa 6 % 35 HRC 7,5 – 7,66 g/cm³
MIM CoCrMo gesintert 992 MPa 551 MPa 30 % 25 HRC 8,3 g/cm³
PIM WC-8 % Co gesintert Biegefestigkeit 2500 MPa 90 HRA 14,72 g/cm³

Die beiden MIM-420-Zeilen stammen aus unterschiedlichen Datenblättern und unterscheiden sich in Dichte und Bruchdehnung deutlich. Das ist kein Übertragungsfehler, sondern der Stand der Quellenlage — für eine Serienanwendung ist der Kennwert lieferantenbezogen zu vereinbaren.

Zur Einordnung der letzten Zeile: Hartmetall im Pulverspritzguss ist verfahrenstechnisch möglich und dokumentiert, aber kein Standardprogramm. Es ist nicht in MPIF Standard 35 enthalten, und die veröffentlichten Kennwerte stammen aus Fachaufsätzen, nicht aus Lieferantendatenblättern. Für eine Serienanwendung ist der Werkstoff im Einzelfall zu qualifizieren.

Vorsicht bei fremden Datenblättern In frei zugänglichen MIM-Werkstofftabellen kursieren zwei wiederkehrende Fehler: Bei MIM-420 wird die Härte gelegentlich mit „44 HRB" angegeben, was bei 1379 MPa Zugfestigkeit physikalisch nicht möglich ist — gemeint ist HRC. Und bei MIM-440C sind in mehreren Tabellen Zugfestigkeit und Dehngrenze vertauscht, sodass die Dehngrenze über der Zugfestigkeit liegt. Beides ist ein guter Test für die Sorgfalt einer Quelle.

Zuerst die Verschleißart bestimmen

Verschleißart Erkennungsmerkmal Werkstoffrichtung Was zusätzlich zählt
Abrasion Riefen in Bewegungsrichtung, harte Partikel im Kontakt höchste Härte: 440C gehärtet, Hartmetall Härteverhältnis zum Abrasivstoff, nicht zum Gegenkörper
Adhäsion Materialübertrag, Fressen, Kaltverschweißung ungleiche Werkstoffpaarung, CoCrMo Schmierung und Werkstoffpaarung wiegen schwerer als Härte
Oberflächenermüdung Grübchen, Ausbrüche unter Wälzkontakt hohe Dichte, niedrige Restporosität jede Pore ist ein Rissausgang — hier zählt Dichte vor Härte
Tribokorrosion Verschleiß und Korrosion gemeinsam 440C, CoCrMo Härte ohne Korrosionsbeständigkeit versagt vollständig

Die dritte Zeile ist der Grund, warum Härte allein nicht genügt. Unter Wälzbelastung entscheidet die Restporosität über die Lebensdauer, und die hängt an der Sinterdichte, nicht an der Legierung. Ein 440C mit 60 HRC und ungenügender Dichte kann unter Wälzkontakt kürzer halten als ein 17-4 PH mit 35 HRC und hoher Dichte.

Auswahl nach Anwendung

Anwendung Erste Wahl Anmerkung
Schneidkante, Klinge, Schneidgeometrie MIM-440C gehärtet bis 63 HRC, Kantenstabilität durch hohen Kohlenstoff- und Chromgehalt
Verschleißkante mit Korrosionsanforderung MIM-440C martensitisch, korrosionsbeständiger als Werkzeugstahl
Verriegelungsfläche, Rastgeometrie MIM-420 wärmebehandelt ausreichend hart, günstiger als 440C
Gleitkontakt mit Metallpaarung MIM CoCrMo geringe Adhäsionsneigung durch dehnungsinduzierte Gefügeumwandlung an der Kontaktfläche und die Karbidverteilung — nicht durch Härte
Wälzkontakt, kleine Verzahnung MIM-4140 vergütet oder MIM-2200 einsatzgehärtet harte Randschicht auf zähem Kern; Dichte geht hier vor Härte, gegebenenfalls nachverdichtet
Extreme Abrasion PIM-Hartmetall Einzelfallqualifizierung nötig, kein Standardprogramm

Was die Kennwerte begleiten muss

Der Gegenkörper

Verschleiß ist keine Eigenschaft eines Werkstoffs, sondern eines Systems aus zwei Oberflächen, einem Zwischenmedium und einer Last. Ohne Angabe des Gegenkörpers lässt sich keine Werkstoffempfehlung begründen. Die häufigste Fehlannahme lautet, dass beide Kontaktpartner möglichst hart sein sollten — bei Adhäsionsverschleiß ist genau die gleiche Paarung das Problem.

Der Oberflächenzustand

Die EPMA gibt für den Sinterzustand rund Ra 0,8 µm an. Unter Gleitkontakt ist das für viele Anwendungen zu rau: Die Rauheitsspitzen tragen die Last zunächst allein und verschleißen überproportional. Ein Einlaufverhalten ist dann normal, aber es kostet Maß. Wo das nicht zulässig ist, wird poliert oder gleitgeschliffen.

Die Duktilität an der Kante

MIM-420 im gehärteten Zustand erreicht unter einem Prozent Bruchdehnung. An einer scharfen Kante unter Schlagbelastung bricht das Material aus, statt zu verformen. Die verdichtete und wärmebehandelte Variante erreicht fünf Prozent bei vergleichbarer Härte — für kantenbelastete Geometrien ist das der wesentliche Unterschied.

Beschichten statt härter legieren Für viele Verschleißfälle ist die günstigere Lösung eine Beschichtung auf einem zäheren Grundwerkstoff, nicht ein härterer Grundwerkstoff. Der Vorteil liegt nicht nur im Preis: Ein zäher Kern mit harter Schicht überlebt Schlagbelastung, die ein durchgehärtetes Bauteil zerspringen lässt. Voraussetzung ist eine ausreichende Sinterdichte, sonst haftet die Schicht auf einer porösen Unterlage.

Was in die Spezifikation gehört

  1. Werkstoff mit Norm und Zustand
  2. Härte mit Prüfverfahren und Prüfort — Oberfläche oder Kern
  3. Mindestdichte, insbesondere bei Wälz- oder Dauerbelastung
  4. Oberflächenzustand an der Kontaktfläche, getrennt von den übrigen Flächen
  5. Gegenkörper, Schmierung und Lastfall als Beschreibung, nicht als Annahme
  6. Falls beschichtet: Schichtsystem, Schichtdicke, Haftungsprüfung

Unser Ansatz

Wir fragen bei Verschleißanwendungen zuerst nach Gegenkörper, Schmierung und Verschleißbild, bevor wir eine Legierung nennen. Wenn die Anforderung durch eine Beschichtung auf einem zäheren Grundwerkstoff günstiger zu erfüllen ist, schlagen wir das vor — auch wenn es die einfachere Bestellung wäre, den härtesten Werkstoff anzubieten.

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